Der News- und RSS-Wahn
Als ITler bin ich dazu verdammt, auf der Krone der Technologiewelle zu reiten. Dennoch habe ich so meine Probleme damit, scheinbare Allerweltstechnologien so wahnsinnig toll zu finden. RSS zum Beispiel.
Doch, ich nutze einen RSS-Reader. Was ich gerne mache ist, in Foren oder Blogs einzelne, spezielle Diskussionen abonnieren. Manchmal führt oder verfolgt man aufschlussreiche Konversationen, aber man kann nicht im 5-Minuten-Takt überall nachschauen, ob jemand einen neuen Beitrag geschrieben hat. Hier hat RSS den Vorteil, dass man ereignisabhängig nachschauen kann. Klar, auch die Feeds werden in Intervallen und nicht in Echtzeit synchronisiert, aber wenn man gelegentlich in die Feedübersicht schaut, sieht man auf einen Blick, wo sich etwas getan hat.
Was ich allerdings (immer noch) nicht teile, ist die Angewohnheit, sich über 600 Feeds von verschiedenen Medien pauschal in den Reader zu packen und diese allmorgendlich abzugrasen. Ich teile auch nicht die Bewunderung für dieses Junkietum. 600 Quellen des vergänglichen Rauschens! Als reichte es nicht, dass jeden Tag genau so viel passiert, dass die Zeitung voll wird und dass die Tageschau exakt 15 Minuten dauern kann — nein, jetzt muss auch das Frühstück mindestens so lange dauern, bis man über 600 “Informationsquellen” durchgekaut hat. Allerdings lese ich auch keine Tageszeitung und sehe auch kein fern (zumindest nur sehr selten und keine “News”, vielleicht zweimal im Jahr die Tagesschau). Ich bin der Meinung, dass man wirklich Wichtiges auch so erfährt. Alles andere, das “haste schon gehört?”, kann ich mir getrost sparen.
Ich bin sogar der Meinung, dass zu viele News den menschlichen Geist abstumpfen. Als Beispiel: Ganz Deutschland (jawoll!) regt sich über die zunehmende Überwachnung auf. Alles gackert und flattert umher und scheißt den Hühnerstall, sprich: das Web, mit Meinungen, Ansichten, Hintergründen voll. Sicher, Aufklärung und Diskurs sind essentiell — aber wenn man das doch alles schon weiß und alles schon gesagt ist, warum geht man dann nicht einen Schritt weiter? Wohlgemerkt: der nächste Schritt ist nicht, in Sarkasmus und Defätismus und gar Zynismus zu verfallen. Sondern vielmehr aufstehen und die Dinge ändern. Aber nein, man hat ja schon was “getan”, indem man diskutierte.
Man wird nun sagen: “Hey, Alex. Was machst du denn so? Du nörgelst doch auch nur in deinen nicht vorhandenen Bart.” Es ist tatsächlich so, dass ich lange nicht auf einer Demo war, und auch nach Heiligendamm habe ich es leider nicht geschafft. Aber man kann finanziell Unterstützung leisten, zum Beispiel mit einer Mitgliedschaft bei der Humanistischen Union. Auf diese Weise treibt man die Professionalisierung der Bürgerrechtsarbeit voran. Das ist meines Erachtens noch wichtiger als das Demonstrieren, denn Politikern und anderen “Machern” ist mittlerweile schnurzpiepegal, was der Pöbel denkt.
Was die Bürgerrechtsbewegung braucht, sind Spezialisten — und die wollen, sollen und müssen gut bezahlt werden. Was ich etwa hierzulande vermisse, sind Organisationen wie die ACLU oder EFF in den sonst oft und gerne gescholtenen USA. Sicher, es gibt die schon genannte HU, und es gibt den CCC, die beide schon viel Einfluss ausüben. Aber ich habe das Gefühl, dass der Einfluss schwindet (oder zumindest stagniert, während andere ihren Einfluss massiv ausbauen konnten), und deshalb brauchen diese und andere Organisationen Ressourcen, um wirklich auf einem Niveau arbeiten zu können, das die Mitarbeit an Gesetzen ermöglicht. Dazu braucht man — neben einer breiten Basis — vor allem Profis, die sich tage- und nächtelang hinsetzen und hochkomplexe Sachverhalte beackern. Diese Spezialisten haben meist viel Zeit in eine entsprechende Ausbildung investiert, und sie wollen auch nicht hungern. Ja, manche wollen sogar mal Urlaub machen und eine kleine Hütte an einem schwedischen Waldsee. Wenn man solche Leute nicht für die Bürgerrechtsbewegung gewinnen kann — wohlwissend, dass sie auf der anderen Seite ein Vielfaches verdienen könnten –, dann sieht es für die Bürgerrechte ganz düster aus.
Aber zurück zum Thema RSS: Wie gesagt, eine feine Sache, aber völlig überbewertet. Lustig finde ich auch, wie mittlerweile jede Wurstbudenwebsite einen RSS-Feed anbietet. Allerdingst nicht, weil der Inhaber wüsste, was das ist oder gar besonderen Wert darauf legte. Sondern vielmehr, weil Wurstbudenwebdesigner furchtbar stolz sind, wenn sie es schaffen, irgendwo einen RSS-Feed reinzupfriemeln und das dem Wurstbudenbesitzer für teuer Geld zu verkaufen. Das läuft dann so ab:
“Hey, Ede. Soll ich dir einen RSS-Feed in die Seite bauen?”
“Wassen dat?”
“Das ist so, dann kannst du deine eigenen News so wie ne Nachrichtenagentur rausbringen. Und deine Besucher können das dann mit so nem Feedreader synchronisieren.”
“Muss dat?”
“Jau, das ist so: Wenn du sowas hast, dann kommen immer mehr Leute auf deine Website und dann verkauft du auch mehr Wurst.”
“Knorke.”
“Das ist allerdings so, dass noch kaum einer von deiner Zielgruppe weiß, was RSS ist, und selbst von denen hat kaum einer hat nen Feedreader.”
“Hm, und?”
“Ich mach das so: Ich mach den RSS-Feed rein. Und dann schreibe ich einen ganz langen Text, was RSS ist und wie man das benutzen kann.”
“Und dann verkaufe ich mehr Wurst?”
“Auf jeden Fall.”
“Na gut, dann mach mal.”
Wie das dann aussieht — nicht nur im Wurstbudenmetier — sieht man immer wieder, wenn es einen auf Webpräsenzen fernab der Informationshauptstraßen verschlägt. Zum Beispiel in die Newsredaktion einer Kfz-Werkstatt.



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