Privatzensur ist auch Zensur
Wie bei Stefan Niggemeier zu lesen ist, hat Alice Schwarzer die Diskussion um ihr Mitwirken an der jüngsten BILD-Werbekampagne vollständig aus ihrem Gästebuch getilgt.
Niggemeier sagt:
Und bevor jetzt jemand „Zensur!” schreit: Natürlich hat Alice Schwarzer das Recht dazu, mit ihrer Homepage zu machen, was sie will. Sie kann sich sorgsam exakt das Gästebuch zusammenklöppeln, das sie gerne hätte.
Natürlich hat sie dieses Recht. Aber Zensur ist es trotzdem. Zwar keine rechtswidrige, da private und sich aufs Hausrecht berufende, aber dennoch ein Unterdrücken misliebiger Meinungen. Ich könnte es verstehen, wenn man vereinzelt Beiträge löscht oder bearbeitet, etwa wenn sie übermäßig polemisch, diffamierend oder rechtlich fragwürdig sind, aber das vollständige Auslöschen einer Episode hat schon — mit Verlaub — stalinistische Ausmaße. (Wir erinnern uns: Unter Stalin wurden sogar historische Fotos retuschiert, um umliebsame Personen wie Leo Trotzki aus den Geschichtsbüchern zu tilgen.)
Man kann auch 1984 herbeiziehen, wo es heißt: “Who controls the past, controls the future. Who controls the present, controls the past.” Auch dort wird die Vergangenheit zurechtgebogen, um mögliche Inkonsistenzen mit gegenwärtigen und zukünftigen Ereignissen zu vermeiden. Im Ministerium für Wahrheit werden alte Zeitungen aus den Archiven getilgt, um das Wissen um frühere Kriege mit gegenwärtigen Bündnispartnern (und umgekehrt) zumindest in der Geschichtsschreibung ungeschehen zu machen.
Im Internet-Zeitalter ist das nicht mehr nötig. Heute reichen ein paar SQL-Statements, um die eigenen Archive zurechtzubiegen. Für fremde Archive braucht man dann nur noch ein paar Anwälte, die, wahlweise bewaffnet mit Persönlichkeits- oder/und Urheberrecht, gegen missliebige fremde Archivare vorgehen, sowie eine PR-Aktion, mit der falsche Wahrheiten für die Plebs richtiggestellt werden.
Privatzensur ist auch Zensur. Sie ist zwar nicht gesetzlich verboten, dennoch ist sie schädlich. Sie verhindert einen Diskurs über gesellschaftliche Probleme zugunsten der Einheitsmeinung von Privatmachthabern. Argumente unterliegen Machtaspekten. Wenn es für Emma kein Problem ist, dass die Chefin mit einem chauvinistischen Drecksblatt gemeinsame Sache macht, dann wird das eben nicht problematisiert. Wenn unbefangene Leser beim Durchblättern des Gästebuchs auf aliceschwarzer.de keine kritischen Meinungen lesen sollen, dann werden die eben gelöscht.
Privatzensur durch Massenmedien und Meinungsmachthabern kommt heutzutage einer staatlichen Zensur gleich. Missliebige Meinungen werden zwar nicht durch staatliche Stellen unterdrückt, der Effekt ist aber der gleiche: Hinz und Kunz bekommen nur das mit, was sie mitbekommen sollen. Vor allem, wenn Privatwirtschaft, Staat und Massenmedien alle im selben Boot sitzen und gegenseitig voneinander abhängen, ist staatliche Zensur eigentlich gar nicht mehr nötig, und Artikel 5 ist — je nach Sichtweise — Wurmfortsatz bzw. Feigenblatt.
Gerade Alice Schwarzer, die oft ihre Ansichten verteidigen musste, sollte selbstkritisch und selbstbewusst genug sein, sich mit kritischen Meinungen auseinanderzusetzen. Und was soll uns die Löschung der Kommentare sagen? “Ich habe mir nichts vorzuwerfen, und die Kommentare hier sind nur provokantes und ignorantes Gewäsch”? Oder: “Ich bereue es zutiefst, an der BILD-Kampagne teilgenommen zu haben, und ich möchte davon nichts mehr wissen”? Man weiß es nicht; anzunehmen ist eher ersteres, und das suggeriert auch der Ausschnitt von Schwarzers Website im oben schon erwähnten BILDblog-Beitrag.
Möglicherweise ist es aber tatsächlich ein eher medientechnisches Problem, und Frau Schwarzer hatte das Gefühl, dass das Gästebuch für Diskussionen und Auseinandersetzungen nicht geeignet ist. Man schreibt ja auch in Poesiealben nichts Kritisches über deren Inhaber, sondern übt Kritik auf andere Weise. Doch in diesem speziellen Fall hätte Frau Schwarzer gut daran getan, die Diskussion um die BILD-Kampagne zu extrahieren und an anderer Stelle kommentiert wieder einzufügen. Das würde man von einem selbstbewussten und kritischen Menschen erwarten.
Und so bleibt es dabei: Das Unkraut wurde ausgerissen, auf dass möglichst schnell Gras über das Loch wächst.
Nachtrag (13:56): Jetzt weiß ich auch, warum Herr Niggemeier Frau Schwarzer ausdrücklich das Recht auf private Zensur zubilligt: Auch Herr Niggemeier klöppelt sich anscheinend die Kommentare zusammen wie er sie gerne hätte. (Mit Dank an Kathinka für den Hinweis.)



kathinka grimpe 14.08.2007 um 12:25 #
wo noch so alles gras wächst…
stefan niggemeier 14.08.2007 um 15:16 #
Und Sie meinen wirklich, das ist das gleiche? Oder wenigstens vergleichbar? Dass ich einen Kommentar lösche, den ich für dumm, unterirdisch (und juristisch nicht ganz ungefährlich) halte, diese Löschung deutlich kenntlich mache und eine lange Debatte danach über das für und wider dieser Löschung in den Kommentaren führe? Das ist vergleichbar mit Frau Schwarzers Verhalten, jede Spur einer Debatte tilgen zu lassen, obwohl schon diese Debatte nur moderiert stattfand?
(Die Behauptung, die in den im Nachtrag verlinkten Blogs steht, ich sei identisch mit einem Kommentator namens “Ommelbommel” und würde quasi mit mir selbst diskutieren, mich sogar selbst löschen, ist übrigens falsch. Ich dachte, sie sei abwegig genug, dass ich nicht darauf eingehen müsste. Hatte ich aber wohl unrecht.)
Alex 14.08.2007 um 16:45 #
Lieber Stefan,
zunächst: nein, ich halte es nicht für das Gleiche und auch nur bedingt für vergleichbar. Im Übrigen habe ich auch am Anfang des Artikels deutlich gemacht, dass es ok ist, wenn man einzelne Kommentare bearbeitet/löscht und dass es einen gewaltigen Unterschied zur flächendeckenden Vergangenheitsauslöschung gibt.
Ob der Kommentar (ich vermute, Sie meinen den “Lebenslauf”) unterirdisch und dumm war, kann ich nicht beurteilen, da ich ihn nicht lesen konnte. Einigen Kommentatoren zufolge soll er so schlecht ja nicht gewesen sein. Ich finde es nur etwas obskur, ausgerechnet in einer Diskussion über Zensur ohne Nachfrage blindwütig zu löschen.
Ich kann verstehen, dass Sie juristischen Auseinandersetzungen aus dem Weg gehen wollen, und natürlich besitzen auch Sie virtuelles Hausrecht (ganz zu schweigen von den Pflichten). Aber man hätte auch anders vorgehen können: Sie hätten bspw. den Kommentar zunächst sperren (nicht löschen!) können, dem Autor eine Mail schreiben und ihn darauf hinweisen, dass er das lieber selber bloggen soll und Sie seinen Kommentar löschen/bearbeiten werden. Es ist übrigens so, dass mein obiger Beitrag zunächst auch als Kommentar zu Ihrem Artikel gedacht war; als es aber zu ausufernd und polemisch wurde, habe ich beschlossen, es lieber selbst zu bloggen.
Was die Ommelbommel-Geschichte angeht: Ich fand die Erläuterung auf dem verlinkten Weblog plausibel genug, und ich habe auch selbst schon beim Lesen Ihres Blogs festgestellt, dass Kommentare recht zügig gelöscht werden. Man muss auch blind sein, um nicht zu erkennen, dass der User Ommelbommel dem Herrn Niggemeier auffällig oft und völlig unkritisch zur Seite steht. (Ich sage nicht, dass Sie Ommelbommel sind, aber man kann zumindest vermuten, dass es sich um eine Ihnen nahestehende Person handelt.)
Ich bedauere es allerdings, den Nachtrag als Nachtrag und nicht als Kommentar angefügt zu haben, da es zunächst nichts mit der Schwarzer-Geschichte zu tun hat. Ich denke auch, wenn ich es nun lese, dass ich es hätte etwas distanzierter ausdrücken müssen. Sollten Sie sich also durch den Nachtrag auf die Füße getreten fühlen, verstehe ich das und bitte um Entschuldigung.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich lese Ihren Blog sehr gerne und regelmäßig, aber es muss auch erlaubt sein, Auffälligkeiten zu bemerken und zu benennen.
stefan niggemeier 14.08.2007 um 18:37 #
Natürlich ist das erlaubt. (Ich hoffe, es ist ebenso erlaubt, darauf zu antworten.) Ich finde es allerdings schade, dass Sie auch in Ihrem Kommentar nun davon sprechen, ich hätte “blindwütig” gelöscht, obwohl Sie den Kommentar selbst ja nicht einmal kennen.
Nun ja. Ich mag an Blogs (im allgemeinen und an meinem) die Auseinandersetzung mit Leuten, die anderer Meinung sind, ebenso wie den Zuspruch von Leuten, die meiner Meinung sind. Ich habe nur eine Frage: Wenn Sie glauben, ich würde “blindwütig” löschen, und mir zutrauen, dass ich mir ein Pseudonym “Ommelbommel” zulege, um mit mir selbst diskutieren zu können, warum lesen Sie dann mein Blog und auch noch gerne? Ich würde jemanden, der so etwas tut, für einen Feigling und Idioten halten und sicher nicht gerne sein Blog lesen.
Alex 14.08.2007 um 19:24 #
Hm, gute Frage. Ich denke, letzten Endes sind wir alle Menschen, jeder macht mal Fehler. Es wäre für mich kein Widerspruch, wenn ein fachlich kompetenter Mensch und auch sonst sicher “netter Kerl” bestimmte Methoden zur Stressbewältigung entwickelt. Ein Alter Ego als Fürsprecher auftreten zu lassen ist zwar nicht die hohe Kunst der Konversation, aber es ist nachvollziehbar und m.E. verzeihlich. Wenn man “allein gegen alle” debattieren muss, z.B. gegen Provokateure mit guten Argumenten, kann man schon mal in Versuchung kommen zu schummeln. (Dass man mit dem Alter Ego auch spricht und ggf. auch dessen Beiträge löscht, gehört wiederum zu einer überzeugenden Show.) Das alles ist natürlich rein hypothetisch; ich möchte Ihnen nichts unterstellen.
Und um für einen Idioten und Feigling gehalten zu werden, muss man schon ganz andere Sachen machen.
stefan niggemeier 14.08.2007 um 20:37 #
Und Sie meinen, es ist eine gute Idee, seinem fiktiven Mitstreiter dann einen so respekteinflößenden Namen wie “Ommelbommel” zu geben? Oder ist das auch Tarnung, dass ich mir einen Namen aussuche, der so albern ist, dass niemand darauf käme, dass ich ihn mir als Mitstreiter ausgesucht habe? (Lustig, wenn man einmal selbst in diesen Verschwörungstheorien drinhängt, merkt man, dass man nie wieder rauskommt, weil alles immer auch Beweis für das Gegenteil sein kann.)
Sei’s drum. Nehmen Sie’s mir nicht übel: Ich hoffe, die meisten meiner Leser, auch die, die mir und meinen Ansichten kritisch gegenüberstehen, trauen mir das nicht zu. Und sind nicht nur mir gegenüber kritisch, sondern auch Menschen, die als Tatsache behaupten: “Gewissenhafte Leser wissen schon lange, dass Ommelbommel Stefan Niggemeier ist.”
Alex 14.08.2007 um 23:29 #
Ja, das liegt in der Natur der Verschwörungstheorie.
Aber mal im Ernst: Um Ommelbommel geht es mir nicht. Ich habe zwar in meinem vorigen Kommentar geschrieben, was wäre, wenn irgendein Autor ein Alter Ego auftreten ließe, doch im Nachtrag zu meinem Artikel steht kein Wort von Ommelbommel.
Denn eigentlich geht es um Zensur. Mir ist aufgefallen, dass ich in meinem letzten Kommentar vergessen habe, zu der “blindwütigen” Löschung von Kommentaren Stellung zu nehmen. Und ich bin in der Tat der Meinung, dass das Löschen eines relevanten, wenn auch potentiell anstößigen Kommentares Zensur ist. Wie man hätte anders reagieren können, habe ich oben schon erwähnt.
Ich möchte nicht in Ihrer Haut stecken, wenn Ihnen Abmahnungen auf den Tisch flattern und wenn gerichtliche Auseinandersetzungen verloren werden. Daher finde ich es höchst bewundernswert, dass Sie etwa weiterhin am Fall Callactive bleiben, obwohl Sie genau wissen, dass es in vielerlei Hinsicht ein sehr heißes Eisen ist.
Allerdings ist mir dann unklar, warum Sie sich einerseits in Ihren Beiträgen durchaus polemisch mit Callactive und Alice Schwarzer auseinandersetzen, dann aber in den Kommentaren die “Schere im Kopf” walten lassen. Ich kann über den “Lebenslauf”-Kommentar nicht viel sagen, aber zumindest die Meinung einiger anderer Kommentatoren lässt vermuten, dass er so dumm und unterirdisch nicht gewesen ist. Wenn er juristisch nicht einwandfrei war, dann ist es natürlich ok, ihn zu entfernen/deaktivieren, aber man hätte sich gerade im Kontext “Zensur” etwas mehr Fingerspitzengefühl erhofft.
Letztendlich will ich diese Diskussion aber auch nicht überstrapazieren. Es wurden fragwürdige Kommentare gelöscht, ok. Es wurde immerhin die Möglichkeit gegeben, die Löschung zu diskutieren. Dann gibt es die Vermutung, dass Ommelbommel ein Alter Ego ist; dass ich das für sonderlich evident halte, habe ich nie behauptet, und im Prinzip ist es mir auch völlig wurscht.
Natürlich dürfen Sie, falls Sie das wünschen, noch ein Schlusswort halten, aber von meiner Seite ist — zumindest zum Thema Ommelbommel und Zensur bei Niggemeier — eigentlich alles gesagt.
Ich freue mich jedenfalls, dass Sie die Kritik aufgenommen und dazu Stellung genommen haben und meinen noch jungen privaten Blog (anderweitig blogge ich schon etwas länger) beehren.
Kathinka Grimpe 18.08.2007 um 06:45 #
Zu Stefan Niggemeier(2)“…mich sogar selbst löschen…“
Ich möchte nur noch kurz daran erinnern: der Löschvorgang, der mit den Worten: “Nicht wundern, ich hab den allergrößten Kommentar-Unfug der letzten Stunden mal gelöscht.“ erklärt wurde, beinhaltete den Count-Up auf 200, in Anspielung auf Monk von Ommelbommel, sowie Einlassungen dazu von Stefan, dann wieder Ommelbommel, Stefan, Ommelbommel…. und auch Ruhrpottperle, die bemerkte, dass sie das, was da abging, etwas peinlich fand. Dem stimmte Stefan zu und löschte.
Ich erlebte das live auf dem Bildschirm mit, ebenso Helma Louise, mit der ich während dessen genau darüber telefonierte. Daraufhin entstand meine Karikatur über dieses Geschehen.
Gelöscht wurden juristisch harmlose Beiträge von Ommelbommel, von STEFAN und von Ruhrpottperle.
Ob Ommelbommel und Stefan nun eine Hase-und-Igel-Geschichte sind, oder nur Seelenverwandte, ist sicherlich nebensächlich in einer Debatte um das Löschen von Kommentaren.
Biggi 18.08.2007 um 13:13 #
Mir scheint eins offensichtlich: Auch Stefan Niggemeier löscht! Auch wenn nicht der Anwalt im Rücken steht, nach eigenem Gutdünken lässt er ironische Beiträge mal zu, mal nicht. Die Diskussion über die Kritik von Ruhrpottperle, die völlig zu Recht dies angemerkt hat, wurde dann auf den Ommelbommelkram reduziert, weil ja alles andere am Image von Herrn Niggemeier gekratzt hätte.
Für mich steht fest: Wer bei Alice Schwarzer kritisiert, dass diese löscht, der darf selbst nur das löschen, was wirklich juristisch (!!!!) bedenklich ist! Und das tut Herr Niggemeier eindeutig nicht, von ihm selber auch schon eingeräumt, von seinen Fans leider übersehen. Also kann man ihm einfach den Vorwurf machen, bei Anderen anzuprangern, was er selber macht!