28. April 2008, 13:21 Uhr

Wider die Suggestivumfragen! (2)

Schon wieder glänzt taz.de mit einer Suggestivumfrage:

Suggestiv-Umfrage auf taz.de

Perfide ist, wie bei der zweiten Antwortmöglichkeit die Einnahmen durch Fernsehrechte für den Erfolg der Bayern praktisch alleinverantwortlich gemacht wird und somit die Umfrage zu einer Abstimmung über die Gerechtigkeit der Verteilung von Fernsehgeldern wird.

Während man bei anderen Umfragen noch ein Versehen im Sinne eines in dubio pro reo annehmen kann, ist diese Umfrage billigster Populismus auf Bild-Niveau.

24. April 2008, 15:44 Uhr

Grandiose Polemik gegen das neoliberale Geseiere

Nils Minkmar haut dem neoliberalen Stammtisch seine Phrasen um die Ohren (und das auf FAZ.net!) — sehr lesenswert, da aufschlussreich und amüsant geschrieben.

24. April 2008, 14:34 Uhr

Versteckte Botschaften im scheinbar Unpolitischen

Eigentlich sieht sie ganz harmlos aus, die Website gogoritas.com. Aber etwas hat mich auf den ersten Blick irritiert.

Gogoritas-Screenshot Gogoritas-Screenshot

;-)

21. April 2008, 17:46 Uhr

Wider die Suggestivumfragen!

Warum machen die das?

Die taz macht auf Ihrer Website regelmäßig Umfragen nach dem folgenden Schema:

taz-Umfrage

An sich scheint es nett zu sein: Medien sind scheinbar an der Meinung der Leser interessiert; sie laden die Rezipienten ein, am Meinungsbildungsprozess teilzuhaben. Dabei ist das Gegenteil der Fall — die Antwortvorgaben sind suggestive Begründungen, von denen man sich für das geringste Übel entscheiden darf. Und plötzlich heißt es: “40 Prozent unserer Leser (oder sogar: der Deutschen) sind der Meinung, dass …”

Schauen wir uns die taz-Umfrage mal im Detail an:

Prominente outen sich des Schockeffekts wegen für eine Anti-Aids-Kampagne als Aidsinfizierte…obwohl es nicht stimmt. Darf man das?

  • Ja, Prominente machen mit ihrem Gesicht das Aidsproblem zu einer politischen Bewegung.
  • Nein, Wachrütteln geht auch ohne krank spielende Promis und Pseudosolidarität.
  • Traurig aber wahr - ohne Schockeffekt guckt doch keiner mehr hin.

Nehmen wir an, wir sind der Meinung “Ja, man darf das”. Allerdings nicht mit der Begründung, dass Prominente “mit ihrem Gesicht das Aidsproblem zu einer politischen Bewegung” machen (abgesehen davon, dass da eine sinnstiftende Konjunktion fehlt — im Zweifelsfall “denn”). Sondern etwa mit einer marketingpsychologischen Begründung à la “denn prominente Gesichter können eine stärkere Aufmerksamkeit erzielen; im Übrigen glaubt ja auch keiner, dass Franz Beckenbauer mit O2 telefoniert.”

Ebenso könnte man die Meinung, man dürfe eine Anti-AIDS-Kampagne nicht mit Effekthascherei betreiben teilen — aber wiederum mit anderen Argumenten. Man könnte sogar auf dem Standpunkt stehen, dass es nicht legitim sei, obwohl Wachrütteln mit krank spielenden Promis eine gute Methode ist. Abgesehen davon werden mit der “Pseudosolidarität” den Mitwirkenden a priori unlautere Absichten unterstellt, was viele Umfrageteilnehmer vielleicht gar nicht wollen. Was soll man dann wählen?

Ganz perfide ist Antwortmöglichkeit drei: Vom Sinn her entspricht sie einer “Ja”-Antwort auf die Frage. Sie geht aber darüber hinaus und spendiert demjenigen, der sich für sie entscheidet, einen Schlag mit der Kulturpessimismuskeule, nach dem Motto “eh alle total degeneriert”.

Somit gibt es zwei “Ja”-Antwortmöglichkeiten, eine mit politischem Charakter, eine mit kulturpessimistischem, sowie eine “Nein”-Antwort, die nicht nur zahlenmäßig, sondern auch qualitativ unterlegen ist.

Nun stellt sich die Frage: Was soll das? Oder, konstruktiver gefragt: Was ist damit beabsichtigt, und wie kann man es besser machen?

Die Absicht ist eigentlich recht klar: Es ist wohl tatsächlich beabsichtigt, sich einen groben Überblick über das Meinungsbild zu einem Thema zu verschaffen. Die suggestiven Antwortanhängsel dienen zum einen dazu, möglichst viele Teilnehmer in das Thema hineinzuziehen und sie sich für eine Antwort (die in den meisten Fällen allerdings nur das “geringste Übel” unter den angebotenen Möglichkeiten ist) entscheiden zu lassen. Das ist zwar eine nette Absicht, dennoch ist die Stümperhaftigkeit dieser allgegenwärtigen Umfragen zum Heulen — vor allem, wenn sie später quasirepräsentativ verwertet werden.

Wie kann man es besser machen?

Mittlerweile haben die meisten Online-Medien die Segnungen des Web 2.0 erkannt und bieten Kommentarbereiche und Foren an. Warum kann man nicht die qualitative Partizipation in Form von artikelbezogenen Diskussionen fördern (wie etwa SPON), sondern muss “Meinungen” mit schlecht gemachten Pseudoumfragen erheben? Und wenn man schon rein quantitativ arbeitet: Warum reichen als Antwortmöglichkeiten nicht “Ja” und “Nein” (und evtl. “Vielleicht”)?

Als die taz vor einigen Wochen eine Umfrage zu Ihrem Webangebot durchführte, habe ich mich durch den gesamten (natürlich ebenfalls sehr mauen) Fragebogen gearbeitet, um ebendiese Kritik in das gottseidank vorhandene Freitextfeld eingeben zu können und der taz-Redaktion zukommen zu lassen. Mal sehen, vielleicht regt es ja jemanden zum Nachdenken an. Zumindest, falls ich nicht der einzige bin, der die Suggestivumfragen auf taz.de kritisiert hat — den im Hause taz denkt man anscheinend primär quantitativ.

Es ist übrigens nicht nur die taz, die mit dümmlichen Umfragen nervt, FAZ.net etwa kann das auch:

FAZ.net-Umfrage

Immerhin kann man bei FAZ.net ohne Abstimmung direkt zum Ergebnis, ohne dass man durch eine erzwungene Abstimmung das Ergebnis noch weiter verfälscht.